Angedacht

Es sind bewegte und bewegende Zeiten. Soviel steht fest.
Zuversicht und Enttäuschung, Angst und Frust bilden die Pole einer schwarz-weiß vorgestellten Welt, in deren Zwischentönen Menschen sich zurechtfinden müssen. Als ich jüngst mit den Konfirmand:innen über ihren Vorstellungsgottesdienst in Holzhausen am Palmsonntag nachdachte, ist uns im Evangelium für selbigen Sonntag (Joh 12) eine ähnliche Gemengelage aufgefallen: eine Menschenmenge, die zugleich hoffnungsvoll und verzweifelt Palmzweige und Kleider niederlegt und „Hosianna” („Herr, hilf!”) ruft, während abseits Pharisäer und Schriftgelehrte argwöhnen und verwerfliche Pläne schmieden. Dazwischen Jesus auf einem Esel, keinem der schwarz-weißen Pole zugehörig – eher wie die schillernde Farbenpracht des Regenbogens, die in die farblosen Ränder hineinreitet.
Er wird es keinem der beiden, weder der Menge, noch den Argwöhnenden, recht machen können – wohl auch nicht wollen.
Ein politischer Umsturz, wie ihn die einen erhoffen und die anderen fürchten, ist mit Jesus nicht zu machen. Die Weltveränderung kommt anders – ganz anders, auf leisen Sohlen, aus Grabeshöhlen, im Morgengrauen. Es beginnt mit Getuschel und mit Schweigen. Nicht mit Geschrei. Aber es wird laut, wenn es sich in Freude auswächst, zu bewegten und bewegenden Zeiten – bis in unsere Tage, wenn wir auch in diesem Jahr wieder den Ostersonntag feiern:
den Sieg des Lebens und der Hoffnung.
Davon beseelt, schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth den Monatsspruch für den Mai: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben
über mich.” (1. Kor 6,12).
Wenn ich mit diesen Worten auf die kommenden Wochen und Monate schaue, auch auf das Wahljahr 2024, dann höre ich zugleich einen Grundsatz der Demokratie unseres Landes:
Jede:r darf sagen und wählen, was sie:er möchte: „Alles ist mir erlaubt”.

Aber hier wie dort gilt auch: „nicht alles dient zum Guten”.
Und das Gute ist immer das, was das Leben schützt und
achtet – deines, meines und das der anderen auch –
und das mit Hoffnung schwanger geht – so wie Ostern;
so wie ich glaube, dass Gott handelt, wenn ich es an Jesus
ablese.
Zugegeben: Es ist nicht leicht, sich in den Zwischentönen
von Grau bis Kunterbunt in dieser Welt zurechtzufinden.
Aber zumindest dieses ließe sich ja vielleicht sagen:
Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich,
das diesem Guten nicht dient – dem Guten, das das Leben
schützt und achtet und mit Hoffnung schwanger geht.
                     
                                    Ihr und Euer Pfarrer Sebastian Schirmer

Losung und Lehrtext für Donnerstag, 29. Februar 2024:

Ich traue auf den HERRN. Wie sagt ihr denn zu mir: »Flieh wie ein Vogel auf die Berge!«
Psalm 11,1

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
Hebräer 10,35